Beerdigung vom Wir

Hallo liebe Leser*Innen,

dieser Blogbeitrag handelt von einer Beerdigung, auf der Du wahrscheinlich auch schon warst. Es geht aber nicht um die Beerdigung einer anderen Person, sondern um Deine vergangene Beziehung.

Ich habe einen Klienten, der nach über 23 Jahren Beziehung und davon 20 Jahren Ehe unfreiwillig geschieden wurde. Das ging alles so schnell, dass ihm jetzt noch schwindelig zumute ist. 

In unserer letzten Sitzung ging es darum, mit ihm über seinen Schmerz, seine Trauer zu sprechen, die sich nun nach der Scheidung im letzten Monat in seinem Leben sehr breitmacht. Es ist ein anderer Schmerz, eine andere Trauer als noch in den Monaten davor. Jetzt gehen der Schmerz und die Trauer tiefer, weil es durch die Beerdigung endgültig ist. Es gibt auch nichts mehr zu klären, zu besprechen, noch nicht mal zum streiten ist etwas da.

Ich habe ihm erklärt, dass er auf der Beerdigung des WIR war, das er mit seiner Frau so lange hatte. Wenn eine intime, lange und vor allem überwiegend schöne Beziehung endet, besteht ein Teil des Schmerzes darin, sich von einem Teil der Vergangenheit zu verabschieden. Dem gemeinsamen WIR. Der Frau, dem Mann, der Verlobten, dem Verlobten, der Freundin, dem Freund. 

Es geht darum, sich selbst bewusst zu machen, dass es dieses WIR und die Person, mit der man seine Erinnerungen gemacht hat, so nicht mehr existieren. Diese Person lebt zwar noch physisch, vielleicht hat man auch noch Kontakt etc., aber diesen Menschen gibt es nicht mehr als ein gemeinsames WIR. Jemanden zu verlieren, der einen Teil der eigenen Lebensgeschichte ausmacht, tut weh. Sehr weh. Daher kann ich meinen Klienten (natürlich auch auf Grund meiner eigenen aktuellen Situation) nur zu gut verstehen.

Ein Teil des Schmerzes ist die Tatsache, dass eine Trennung nicht nur den Abschied einer (einst) geliebten Person bedeutet, sondern zudem auch den Tod einer Zukunft, die man sich ja weiterhin vorgestellt hat. Sogar wenn die Trennung endgültig ist, kann es uns nämlich passieren, dass wir uns weiterhin eine Zukunft mit dieser Person imaginieren. 

Eine Trennung unterbricht unseren gewohnten Lebensrhythmus und wir müssen unseren eigenen erst einmal wieder erschaffen. Aus einem ehemaligen WIR ist nun ein MIR geworden. Oder wie es im Englischen heißt: Aus WE wurde ein ME.

Es ist also völlig normal, dass eine Trennung ein Gefühl der Orientierungslosigkeit hinterlässt, die eigene Identität kann zuweilen in Frage gestellt werden. Fragen wie „Wer bin ich jetzt?“ kommen einem in den Sinn. 

Meinen Klienten begleitet diese Frage zwischendurch auch, hängt bei ihm auch noch eine Familie dran, die so wie vormals nicht mehr ist. Solltest Du Dir nach einer Trennung auch schon mal diese Frage gestellt haben, so tust Du es nicht, weil Du schwach bist. Sondern, weil Du aufrichtig geliebt hast. Und falls Du Dich nun fragst, ob ich mir diese Frage auch schon gestellt habe: Definitiv!

So wie Du vielleicht auch mal von einem WIR als Paar zu einem MIR als Single werden musstest, so gilt das für mich ebenso. Da gibt es zwischen uns allen keinen Unterschied.

Das einzige, was für mich wahrscheinlich von Vorteil ist, sind meine zahlreichen Übungen, guten Techniken, meine Persönlichkeitsentwicklung, die ich in den letzten Jahren erfahren habe. Es ändert aber nichts an meinem Schmerz, an meiner Traurigkeit und meinem Kreieren meines neuen Single-Ichs.

Es gab auch immer ein MIR im gemeinsamen WIR. Das ist trotz einer Beerdigung nicht verloren gegangen. Das ist nicht gestorben. Es schläft einfach nur und darf von Dir zum Leben wiedererweckt werden, denn das, was Du als Wünsche, Ideen, Vorhaben mal in diese imaginäre Zukunft hineingeträumt hast, lässt sich zum Teil nämlich auch als ein Single-Ich erfüllen.

Richte Du Deine Achtsamkeit heute doch mal auf Dein MIR:

Wie bin ich bisher mit einer Trennung umgegangen, die ich nicht wollte?

Wie bin ich von dem WIR zum MIR übergegangen?

Hänge ich immer noch einem WIR nach, welches es aber (längst) nicht mehr gibt?

Welche meiner Werte kann ich auch als MIR weiterhin leben, die ich in dieses WIR mit eingebracht habe?

Wie werde ich nun als MIR so glücklich, dass ich mich auf ein nächstes WIR weiterhin freuen kann?

Herzliche Grüße 👋

Kim

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